Tag 52: Der Versuch einer Insel

Seit Freitag darf die Gastronomie in Österreich wieder öffnen und wir bekommen jene „neue Normalität“ zu erkennen, die irgendwann – und wahrscheinlich nur in der Gastronomie – auch wieder die alte sein darf. Das wird aber noch bis zur Ausgabe des Impfstoff dauern, also bestenfalls bis Winterbeginn 2020.

Was haben wir an diesem Freitag (und seither) gesehen, gemerkt und gelernt? Erstens: Die Menschen bedürfen der Gastronomie, denn die guten Wirtshäuser und Restaurants hatten keine Mühe ihre Stammklientel einzuberufen. Zu aller Freude.

Zweitens: Die Maßnahmen zum „Seuchenschutz“ tragen zuerst zu einer leichten Entfremdung bei, die je nach Dauer des Aufenthalts abnimmt - man muss sich nicht nahekommen, um sich nahe zu sein.

Und drittens: Lokale mit Schanigärten sind eindeutig im Vorteil. Es wäre also gut für Österreich, wenn die Behörden den Weg der Schweizer folgen würden, wo man in den meisten Kantonen die Gehsteige für die Lokale geöffnet hat. Tische und Stühle rausstellen - ohne großes bürokratisches Brimborium.

Für mich hat das alles leider wenig Bedeutung, denn mein Immunsystem ist aufgrund Medikamente auf ca. 60% runtergefahren. Soll heißen: Fange ich Covid wie das Licht, kann das mein Tod sein. Deswegen bin ich nach wie vor – bis 29. Mai – bei meinen Freunden in einem steirischen Hotel zu Gast. Die Bude ist ja – wie alle Hotels – noch zu und gehört ganz alleine mir.

Wein von weit her

Die Leute von KATE&KON haben mir heute einen Wein geschickt, den ich so gar nicht kannte. Und das, obwohl ihn viele Weintrinker, vor allem die Naturweintrinker in meiner Umgebung schon länger kennen und schätzen. Und gleich vorweg: Es ist erneut ein außergewöhnlicher Wein, der Tradition und Moderne cuveétiert. Das mag nach Jahren nach abgedroschenen Konzept klingen, ist aber das einzige und wesentliche Konzept all dieser neuen, exzellenten Weine. Mögen Himmelsstürmer anderswo die Vergangenheit begraben und so auch die Tradition beerdigen – und mag das dort auch richtig sein – so ist das im Weinbau genau der falsche Weg, denn dort nährt sich die Moderne aus einer Tradition, die in dieser Moderne aus ihrer oft simplen Interpretation hinauswächst. Ein Beweiswein dieser Strömung ist der 7Fuentes, der jetzt bei mir im Glas Ruhe findet. Bis ich ihn wieder zu trinken beginne.

Der 7Fuentes kommt aus Teneriffa, Kanarische Inseln. Teneriffa gehört zu Spanien, auf Teneriffa wohnen, anders als auf den benachbarten Kapverden, fast nur Spanier. Trotzdem ist die Teneriffa gut drei Flugstunden von Madrid entfernt und liegt auf der Höhe Südmarokkos (das umstrittene Polisario-Gebiet) und dem Norden Senegals. Die Kanarischen Inseln sind eines der wenigen EU-Gebiete, die zu Afrika gehören. Und es ist nur ihr vulkanischer Ursprung, der hier Wein gedeihen lässt.

Heiß bedingt hoch

Natürlich sind die Sommer auf Teneriffa extrem heiß und die Winter so warm wie in Casablanca. Deswegen ist es notwendig, dass die Weingärten etwas höher liegen, so auch jene des Weinguts „Bodega Suertes del Marques“, bergan in La Orotava bei Santa Cruz del Tenerife mit der ganz wunderbaren Postadresse „Unnamed Road (Straße ohne Namen) 38315“. Das liegt daran, dass das Weingut sich die Straße selbst gebaut hat und die Verwaltung zu faul war, dafür einen Namen zu finden. Es ist eben ein bisschen mehr Afrika hier. Und nicht jenes Spanien, das man auch streng und preußisch kennt.

Alles an diesem Wein ist außergewöhnlich. Zuerst die Rebsorten der Cuvée, Listán Negro (90%) und Castellana Negra (10%), beide brutal autochthoner Herkunft und geschmacklich schwer woanders einzuordnen. Vielleicht noch bei ein paar georgischen Weinen. Aber Georgien ist weit weg.

Dann die Weinstöcke selbst, denn die sind zwischen 10 und 102 Jahre alt, also ein brutaler Mix aus Urgroßeltern und Enkelkindern, wie man ihn sonst nur bei einigen Weinen Portugals findet. Ausgebaut wurde mein 7Funetes aus 2017 zu 60% in kleinen Betontanks und zu 40% in neutral getoasteten, neuen und gebrauchten 500-Liter Fässern. Beton war lange Zeit aus der Mode, ja sogar verpönt. Heute lässt sogar Château Petrus seine Weine eine Zeit lang in Betonzisternen reifen. Auf Petrus mussten sie diese neu bauen, bei Suertes del Marques waren diese schon da, waren Teil jener Tradition, die anderswo verloren ging.

Anchovis & Artischocke

In der Nase kühler Kirschensaft, in Öl eingelegte Tomaten, gering Artischockensaft, gering Anchovispaste, gering hellbraune Schuhcreme, dann viel Minze, die dann doch eher ein Kräutermix ist, etwas Oregano, etwas Hagebutte, gering Kamille, sehr gering Cassis und etwas mehr nasser Kiesel. Keine „fette“ Nase, sondern rustikal-elegant bis zum Abwinken. Im Mund dann konzentriert rustikal-elegant wie man es bei keinem mir bekannten Wein sonst findet. Im Geschmack wieder Kirsche, eingelegte Tomaten, Kräuter, gering Cassis, ein bisschen Salz und gering noch Hagebutte. Kein irrer Langstreckenläufer, aber das ist auch nicht die Aufgabe dieses Weins, dafür ist er nicht gekeltert worden.

Fazit: Ein Wein, der wenig Gegenüber und nichts Gleiches kennt. Leicht gekühlt zu Geschmortem trinken. Und einfach glücklich sein, dass es Winzer in Weinbauenklaven gibt, die nicht jedem Trend folgen, sondern ihr Ding durchziehen; ihr Ding, das auch das Ding ihres Hier ist.

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