Tag 30: Schnell den Nell

Nein, heute will ich Sie nicht mit meiner Quarantäne langweilen. Die Tage sind gleichen eh allen anderen hier - hier draußen, dicht bei der Riegersburg. Und neben ein bisschen Langeweile stellt sich jetzt, nach dreißig Tagen auch ein bisschen Erholung ein – ein bisher nicht in Betracht gezogener Nebeneffekt dieses Sch....-Virus.

Nein, heute will ich gleich zu meinen heutigen „Kwarantänewein“ kommen, zu einem Rotwein aus der Gegend von Anjou. Anjou: das klingt nach Frankreich und Schloss, und tatsächlich stehen in der Anjou-Umgebung jede Menge Schlösser 'rum, denn die Umgebung ist das für seine Schlösser bekannte Flusstal der Loire, die sich aus dem Jura kommend ihren Weg zum Atlantik bahnt.

Die Loire ist keine leichte Weinregion. Schön zwar und „leicht“ sicher für Touristen, die gerne den Spuren alter, französischer Hemmungslosigkeit folgen; schwer aber für Winzer, denn je nördlicher es hier wird, umso mehr Feuchtigkeit tritt auf, und mit dieser kommt auch die Edelfäule Botrytis an die Trauben, ein Pilz, der im Lesematerial trockener Weine nur bedingt etwas zu suchen hat.

Ohne Botrytis weniger Wein

Jene Winzer, die an der nördlichen Loire keine Botrytis und keine edelsüßen Weine keltern wollen, müssen oft mit nicht gerade geringen finanziellen Beschränkungen leben, denn sie können meist nur auf 60 bis 80 Prozent des Lesematerials anderer Gegenden, etwa des Bordelais (Bordeaux), zurückgreifen. Gäbe es in Frankreich nicht diese bedingungslose Liebe zur Region, hätten hier sicher mehr Winzer schon das Handtuch nie aufgehängt, geschweige denn geworfen.

Loire: die steht gemeinhin für Sancerre und Puilly Fumé – also für Sauvignon-Blanc. An der Loire werden aber auch Chenin-Blanc, Cabernet-Franc und sogar Cabernet-Sauvignon angebaut. Allesamt sind die hier schwierige Reben, doch gerade Cabernet-Franc entwickelt sich in den letzten Jahren aufgrund der Klimaerwärmung megaprima. So auch mein Cabernet-Franc „Clau de Nell“ aus dem Jahr 2015, den ich hier einsam am einsamen Tisch stehen habe.

Die Geschichte dieses Weins, dieses Weinguts, ist interessant, obwohl und auch weil es ein bisschen eine traurige Geschichte ist. Das Gute vorweggenommen: Trotz der Schicksalsschläge gibt es das Weingut immer noch. Und es werden hier großartige Weine gekeltert.

Kelterndes Ehepaar

Claude und Nelly (der „Clau“ und die „Nell“) Picard (nicht verwandt mit Jean Luc Picard – ebenfalls Winzer) waren vor 25 Jahren ein kelterndes Ehepaar mit Lohnjobs im Burgund. Ging eigentlich gut, doch da waren Probleme mit der Familie und auch das Restriktive im damaligen Burgund, das die beiden an die Loire ziehen ließ, wo sie einen geologisch tatsächlich ziemlich einzigartigen Weinberg kaufen konnten.

Geld verdiente das Paar leider nie, das lag auch an den viel zu günstigen Preisen, die sie für ihre Weine aufriefen. Und weil sie von Liebhaberei, die lediglich von ein paar Weinfreaks gewürdigt wurde, nicht leben konnten, schlingerte Clau de Nell Mitte der Nullerjahre in die Krise, konnte nicht gerettet werden und ging in die Versteigerung.

Das ist natürlich bitter, wenn du dir ein Sonderweingut aufbaust, das von den Insider-Gazetten und ein paar Weinhändlern positiv wahrgenommen wird. Doch Tatsache: Die bestimmende Weinszene schert sich eher einen Dreck um die Randgebiete, wo dann vor allem Winzer reüssieren – und, nicht missverstehen, das ist sehr gut so – die so genannte Naturweine keltern. Claude und Nelly Picard waren in diese Szene sehr wohl einzureihen, haben sie doch beide Naturweinpapst Nicolas Joly über die Schulter geschaut, doch fehlte dem Paar die relevante Weingutsgröße wie auch das ABC der Selbstvermarktung.

Anne-Claude Leflaive: die Professionelle

Den Weinberg hat dann Anne-Claude Leflaive ersteigert, die damalige Besitzerin der im Burgund prominenten Domaine Leflaive. Anne-Claude Leflaive ist nicht irgendwer in der Weinszene, sie stellte ihre Domaine schon sehr früh auf biodynamischen Weinbau um (als alle anderen Winzer rundum über die Bioszene noch lachten) und forcierte ebenso früh den heute als Maßstab guter Weine geltenden schlanken, eleganten, im Schluck aber nachhaltigen Stil.

Leflaive übergab Clau de Nell sehr bald in andere önologische Hände. Dafür wird sie ihre Gründe gehabt haben, die Entscheidung ließ aber Claude und Nelly Picard als Verlierer zurück, die seither nur mehr als Legende wahrgenommen werden. Ihre önologischen Kreationen wurden unter der Dirigentschaft von Anne-Claude Leflaive etwas populistischer, mehrheitstauglicher, blieben aber trotzdem individuell.

Es wurde das beste draus gemacht, was hier im Anjou zu machen war: ein Weingut zu etablieren, das beweist, dass nördliche Weingegenden auch für große Rotweine gut sein können. 2015, dem Jahr der Lese meines Weins hier, verstarb Anne-Claude Leflaive und hinterließ die Domaine wie auch Clau de Nell ihrem Mann Christian-Jaques Leflaive und dessen Önologen Silvian Potain. Beide führen die hier begonnenen Lebenswerke in Ihrem Sinne mit der gleiche Akribie fort.

Tinte, Eisen, Rauch, Ringlote

So, weg vom ernsten Teil, hin zum vergnüglichen Wein. In der Nase Cassis, viel Herzkirsche, gering Ringlote, gering Rauch, gering Ginster, mehr dann rote Pelikan-Tinte, etwas nasses Eisen und einen Tick frische Kastanienschale. Im Mund ein wunderbares Gleichgewicht zwischen Frucht und Säure, wieder Kirsche, Rauch, Cassis, weniger jetzt Tinte, mehr Eisen und auch einen Tick Grapefruit. Fazit: Ein großer Konzeptwein aus einer immer noch sträflich vernachlässigten Sorte, der am Anfang seiner Trinkreife steht und eigentlich noch für fünf Jahre in den Keller gehört. Großer Stoff zum moderaten Preis.

Wer erfahren will, wie ich so in der Quarantäne lebe, der kann diesen Link hier anklicken.

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/mehr-kultur/2057560-Intakt-im-Trakt-Selbst-verordnete-Isolation-in-einem-leeren-Hotel.html

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