Tag 11: Zurück an die Gironde

Die Guinaudeaus. Von jenen war schon vor elf Tagen die Rede, als ich meinen ersten Quarantäne-Wein, den Sauvignon Champs-Libres, hier einstellte. Die Familie Guinaudeau hat zwei Weingüter. Erstens: das von den Kindern verwaltete Exzellenz-Weingut „Château Lafleur“, das in den letzten Jahren besser bewertet wurde als das Nachbargut Château Petrus. Zweitens: das von den Eltern, die zuvor Lafleur groß gemacht haben, verwaltete Günstige-Linie-Weingut „Grand Village“. Lafleur mag zu den teuren Weingütern gehören (aber für das Gebotene stets preiswert); Grand Village hingegen ist sicher drei Ticks zu günstig.

Tag 11 in Quarantäne. Das bedeutet, dass man erst mittags duscht. Wenn überhaupt. Das bedeutet auch, nur in der Unterhose am Schreibtisch zu sitzen, ab und zu Liegestütze und Kniebeugen zu machen, dann (nun wieder mit Hose) am – gottlob großen – Balkon mehrere Runden zu drehen und seine Kochkünste zu verbessern. Klar aber auch: Mehr als acht Wochen hält man das – so alleine – nicht ohne leichte psychische Störung aus. Ich spreche seit gestern mit meinem Herd, mit dem Kühlschrank und mit der Waschmaschine – mit jenen Geräten also, die auch mit mir sprechen. Mit anderen Geräten spreche ich nicht.

Wotzefuck Fronsac?

Ich spreche auch nicht mit der Weinflasche des Grand-Village 2016, den ich jetzt im Glas habe. Einmal durfte ich im Weingut im Fronsac bei den Eltern zu Gast sein. Das war ein schöner Abend. Die beiden 70-Jährigen kümmerten sich derart rührend um mich, dass ich irgendwann Schuldgefühle aufrief. Wie kann ich mich dafür je revanchieren? Jetzt kann ich. Zumindest ein bisschen.

Die Region Fronsac zählt nicht zu den Top-Regionen de Bordelais. Das hat viele Gründe, auch jenen, dass es hier kein Weingut von Weltrang gibt. Manche sagen, die Böden geben, anders als etwa im Pauillac oder im Pomerol, keine ausreichende Unterlage für Spitzenweine her. Der Grand-Village beweist aber gerade das Gegenteil, er ist Hinweis genug, dass auch aus dem Fronsac mehr Top-Weine kommen könnten. Wenn die Winzer wollen würden.

Französischer Weinbau zählt zu den besten der Welt und wird immer zu den besten der Welt zählen. Als ich jung war, also vor 40 Jahren, da galt französischer Wein als bester Wein der Welt. Und war es auch. In der Zwischenzeit aber haben andere Länder aufgeholt und das Herkunftsland Frankreich wurde kritisch hinterfragt. Die Franzosen reagierten jahrelang eher trotzig auf die Anwürfe, nicht mehr alleine in der Pole-Position des Weinbaus zu stehen. Wahr aber: Eine Weinbaunation, die rund 200 der weltbesten Weingüter (und damit immer noch die Mehrheit) ihr Eigen nennt, ist nicht automatisch eine sakrosankte Weinnation. Und viele durchschnittlichen Weine waren einfach zu teuer.

Hervorragende Bordeaux-Basis

Eine Folge der Neubesinnung ist eben dieser Grand-Village, der vor im Glas steht. Die Guinaudeaus haben gut erkannt, dass es eine hervorragende Bordeaux-Basis geben muss, die auch Einstiegstrinker und solche, die keinen Maserati vor der Türe stehen haben, überzeugen kann. Denn diese Basis sichert a la longue die großen Châteaus ab und weckt die Neugierde auch auf die großen Gewächse des Bordelais.

In der Nase Kirsche, Brombeere, helles Cassis, etwas nasser Kalk, etwas Liebstöckel, etwa Sojasauce, gering Minze, gering Leder und noch geringer, beim zweiten Riechen, Oregano. Im Mund wieder Kirsche, dann Blaubeere, geringer Cassis, deutlicher Minze, etwas Hagebutte, etwas rote Tinte, gering Espresso und im Schluck noch ein Tick Bitterstoffe, die dem Wein beim Ausatmen aus der Nase einen ordentlichen Nachhall geben. Das Holz (mehrheitlich gebrauchte Fässer) ist hier geschmacklich weder durch Vanille noch durch Karamell präsent. Dadurch konzentriert sich alles nur auf Frucht und Wucht – und das ist gut so.

Säure und Eleganz

Apropos Wucht: Der Grand-Village 2016 hat 15% Alkohol. Diese werden aber von ausreichend Säure belebt, sodass der Eindruck einen 15%-Wein zu trinken nie und nimmer aufkommt. Hoher Alkoholgehalt: damit wird man in den zunehmend heißer werdenden Regionen traditioneller Weinbaugebiete leben müssen. Der Klimawandel kennt kein Zurück. Umso mehr ist das Können der Winzer gefragt, auch weiterhin schlank schmeckende, delikate Weine zu keltern. Hier trennt sich der Spreu vom Weizen.

Fazit: Ein „Best-Buy-Bordeaux“ auf hohem Niveau, der alles hat, was man von einem typischen Bordeaux haben will. Ein „Every-Day-Top-Claret“, der einem nicht verarmen lässt. Und lange lagerfähig ist er auch noch. Passt!

 

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