Tag 1: Das „freie Feld“

Der Autor und Weinkritiker Manfred Klimek lebt in Wien in Quarantäne. Wir von KATE&KON schicken ihm jede Woche ein paar Weine zu, damit er sich die soziale Isolation schöntrinken kann. Hier seine Aufzeichnungen

Tag 1: Das „freie Feld“

Zuhause bleiben ist fein. Wenn man selber darüber bestimmen kann. Das letzte Jahr war ich aufgrund einiger Therapie gegen eine Erkrankung oft tagelang zuhause. Mein Immunsystem wurde geschwächt (wird es immer noch), da war es besser so, da gab es auch keine Alternativen.

Doch jetzt, wo in Wien tatsächlich schon die Polizei „Covid-Streife“ fährt und die Menschen auffordert sich nach Hause zu begeben, da juckt es mich plötzlich, einfach stundenlang rauszugehen. Schon aus dem Prinzip, sich nicht unterordnen zu wollen. Ich bin sicher: Wie mir geht es vielen. Ich bin aber auch sicher: Wie ich sind viele vernünftig. Ich muss es sein. Sie auch.
Außer einem Gang zum nahen Supermarkt ist also nichts drin. Und die Weine dort sind ganz ok - aber glänzen nicht. Deswegen habe ich das KATE&KON-Angebot angenommen, mir ein paar Weine zuzuschicken. Endlich komme ich zum konzentrierten Trinken. Was zuletzt eher selten der Fall war.

Sauvignon im Barrique. Muss man können.

Der erste Wein ist der „Les Champs Libres“ 2016, „Die freien Felder“, wie ich mit meinen rudimentären Französischkenntnissen (nur ein Jahr im Gymnasium gehabt) übersetze. Das Etikett ist mehr als sparsam, man erfährt erst auf dem noch sparsamer gestalteten Rückenetikett, dass es sich beim Champs Libres um einen Weißwein aus der Region Bordelais handelt, wo die Weißweine im Durchschnitt eher einen Tick zu teuer sind. Dieser hier ist es nicht.

Trockene Weißweine im Bordelais (Bordeaux) werden meist aus Sauvignon-Blanc und Semillon gekeltert. Der Champs Libres ist aber ein reinsortiger Sauvignon, „herausgegeben“ von der Familie Guinaudeau, die auch das hochprominente und vorzügliche Château Lafleur besitzt. Von den Guinaudeaus werde ich diese Woche noch eine andere Flasche austrinken und berichten.

Anleihe im Rioja. Aber nur Anleihe

Der Champs Libres hat Suchtpotential. Das sagt man gerne über süffige Weine, egal welcher Anspruchsklasse. Der Champs-Libres ist - gut für uns - ein paar Einheiten zu günstig - für das, was er kann.
Die Guinaudeaus haben sich beim Keltern des Champs Libres eine Anleihe im an der Loire genommen, wo man Sauvignons gerne im Holz reifen lässt. Fünfzig Prozent neue Fässer geben dem Champs Libres auch einen unverwechselbaren Holzton mit auf die Reise.

Sauvignon und Barrique: Das ist nicht so leichtes Handwerk, wie Chardonnay und Barrique, denn der Sauvignon ist - wie etwa Traminer - eine doch „laute“ Aromasorte und wesentlich weniger neutral wie der für das Holzfass „geborene“ Chardonnay. Die Guinaudeaus aber können Holz megaprima, soll heißen: sie wissen den Holzton am Höhepunkt der Eleganz abzustoppen und ihn nicht - wie in Spanien oft der Fall – ins Vulgäre kippen zu lassen (was nicht wenige Anhänger hat).

In der Nase Karamell vom Holz, geröstete Mandeln und die Sauvignon-Kräuterlimonade. Dann gerieben, grünen Apfel, etwas Gelbwurz, gering noch Minze und etwas Ingwer. Im Mund wieder Karamell und die Kräuterlimonade. Dominierend aber eine feinherbe Salzigkeit, Orange, Limette, gering Apfel und ganz gering kaltes Eisen.

Saufware pur

Fazit: Saufware pur (die Flasche war in zwei Stunden leer und ich hatte keine Gäste), Eleganzware pur, ein Sauvignon der Ähnlichkeiten mit großen Sauvignons der Loire aufweist, aber dann doch sehr sehr burgundisch getrimmt rüberkommt. Und ein Weißwein mit enormen Alterungspotential, wiewohl er zwei Trinkreife-Phasen haben wird. Eine von jetzt bis etwa 2025. Die zweite erst ab 2035. Dazwischen macht er zu. Großer Stoff. Morgen geht es mit einer neuen Flasche weiter.

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