Rote Mosel

Daniel Twardowski zeigt auf ein Gebäude auf einer Straße. „Schön ist es nicht“, sagt er. Da kann man ihm beipflichten, ohne ihn zu beleidigen. Schön ist es nicht, das Gebäude. Ein bisschen Farbe vielleicht? Aber zur Teil- oder Totalsanierung fehlt Twardowski die Zeit. Denn er hat sich etwas „angetan“.

Daniel Twardowski leitet den Weg durch das Grau-in-Grau-Erdgeschoß seines Gebäudes. Das hier war mal ein Weingut. Und ist wieder eines. Links und rechts des Weges, hin zum Keller, stehen hölzerne Weinkisten, teils frei, teils unter Planen. Da sieht man gerne näher hin, wohl wissend, dass Weine, die in 6er und 12er Holzkisten lagern meist zu den besseren Weinen gehören – mitunter auch zu den raren Weinen. Und genauso ist es: Twardowski hat hier einige der besten Weine der Welt gelagert – vor allem Weine aus Burgund. Und das ist auch der Grund, warum der Ort an der Mosel in diesem Blogbeitrag keinen Namen hat.

Bei Twardowskis Projekt stand Carlo Wolf Pate. Wolf war einer der umtriebigsten Weinhändler im deutschen Sprachraum, der zum Teil jahrzehntelange Beziehungen zu den bedeutendsten Spitzenwinzern Frankreichs pflegte – diese Kontakte und deren Pflege sind heute noch Bestandteil der Politik von Kate & Kon, den Kindern Carlo Wolfs. Wolf war also Mit-Urheber bei diesem wohl avantgardistischsten und ausgefeiltesten Projekte an der Mosel: ein Projekt, das Wolfs Lieblingssorte gewidmet ist – dem Pinot-Noir.

Pinot-Noir – die Diva der Rebsorten

Es ist ein Satz des legendären und viel zu früh verstorbenen, burgenländischen „Starwinzers“ Alois Kracher, der immer aus der Erinnerung emporsteigt, wenn es um Pinot-Noir geht: „Wenn Du Dich unglücklich machen willst, dann pflanz einen roten Burgunder. Die Sorgen, die diese Sorte macht, kannst Du Dir nicht wegsaufen.“

Tatsache: Der Pinot-Noir, in Deutschland mehrheitlich (noch) unter „Spätburgunder“ bekannt, ist die Diva der gängigen Rebsorten, ihre Anfälligkeit für Schädlinge ist legendär. Und dann braucht sie auch ein einigermaßen kühles Klima, um für jene Weine zu garantieren, die Eleganz mit Frucht und Nachhall kombinieren. Diese Weine sind dann selten und teuer. Und vom Verlauf des Jahrgangs gezeichnet.

Nun ist die Mosel vor allem für Rieslinge bekannt; die traditionellen Pinot-Noir-Gegenden Deutschlands hingegen sind Baden, die Ahr, etwas auch Württemberg und Teile von Franken. In den letzten Jahren aber haben einige Winzer an der Mosel mit aufsehenerregenden roten Burgundern gekontert; mineralische Weine mit Kraft und Frucht, die so gänzlich anders schmecken, wie geläufige deutsche Spätburgunder.

Daniel Twardowski aber wollte einen anderen Pinot-Noir machen: keinen Mosel-Pinot-Noir. Daniel Twardowski wollte an der Mosel einen Burgunder keltern, der den besten französischen Burgundern ähnelt, der sich mit jenen in eine Reihe stellen kann, die die kühle Eleganz hintanstellen und mehr der Kraft und de Frucht verpflichtet sind. Daniel Twardowski wollte an der Mosel einen Pinot-Noir keltern, den auch Experten und Enthusiasten nicht zwingend als deutschen Rotwein erkennen. Das ist ihm gelungen. Und das mag nicht jeder, denn Twardowski führt weg von der gerade gepredigten Religion des zwingend Regionalen.

Kurz und bündig: hervorragend!

Das Ergebnis? Kurz und bündig: der Wein ist hervorragend. Und besser, viel besser, als manch bekannte und hoch gehandelte Pinots aus Burgund. Freilich ist dieser Wein nicht gerade günstig. Doch jeder Cent zahlt sich aus. Klar auch, dass sich jetzt einige abwenden und sagen: Der spinnt ja, der Twardowski!

Der spinnt ja: Das sagen auch Kollegen, die hören, dass Twardowski neue Weingärten mit französischen Klonen bestückt hat. Diese Rebzeilen liefern seit 2017 das Lesematerial. Twardowskis Burgunder sind also Weine aus jungen Weingärten (keine ruhmreichen „alten Reben“, die sich über Jahre tief ins Erdreich gegraben haben), ihre Trauben entstammt Klonen einer fremden Region, sie wurden in neuen Barriquefässern ausgebaut. Solche Weine sind in den hoch angesagten Weinbars gerade hoch abgesagt.

Und dennoch sind es Weine, die die Welt bedeuten und ihren Status erfolgreich verteidigen. Komme da auch die nächste autochthone Welle: für Weine, wie sie Twardowski macht, wird eine bürgerliche Klientel auch in Zukunft gewillt sein, viel Geld zu zahlen. Weil sie die Moderne des Traditionellen verkörpern und niemals modisch sind.

Im Glas der Wein aus 2017. In der Nase der Saft der Herzkirsche, etwas Mandel, auch Kohlrabi, ein wenig Zwetschke, Haselnuss und gering Karamell vom Toasting. Im Mund eine Explosion der geschmacklichen Wohltat; ein Wein, der schmeckt, wie großer Wein schmecken soll. Das hierfür wesentlichste Merkmal: Auch Minuten nach dem letzten Schluck ist der Geschmack des Weins noch im Mund präsent (so wie auch der Geruch in der Nase) und setzt dazu an, sich im Geschmacksgedächtnis festzumachen, sodass man ihn nie vergisst. Richtig großer Wein lässt schon beim Nennen seines Namens die Wärme guter Erinnerung aufkommen. So auch der Pinot Twardowskis.

Die Entdeckung schlechthin

Und so ist dieser Pinot-Noir die Entdeckung schlechthin: ein nahezu gigantisch großer deutscher Rotwein, der Deutschland mit Frankreich in der Kategorie Burgunder gleichziehen lässt. Freilich ist dieses Gleichziehen nicht die Aufgabe deutscher Rotweinwinzer, denn diese schaffen seit Jahren schon lieber ihre eigenen Welten, fernab des Vergleichbaren - und das ist der richtige Weg. Aber es ist wie es ist: Dieser Wein ist einer der besten Rotweine der Welt. Und er kommt aus Deutschland. Mehr gibt es nicht zu sagen, außer dass Twardowski das Etikett überdenken sollte, weil es den Wein nicht repräsentiert.

Daniel Twardowskis Pinot heißt übrigens „Pinot-Noix“. Das hat mit den Walnussbäumen zu tun, die neben den Weingärten stehen. Auch das lenkt eher vom Eigentlichen, lenkt von der Größe ab.

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