Tag 23: Komm liebe Frau und bleibe

Nun Ostern ohne Oma. Keine Verwandtenbesuche. Aus Italien höre ich von Freunden, dass sie dort die Ausfahrtsstraßen mit Drohnen überwachen. Keiner darf aufs Land fahren und es sich im Ferienhaus gut gehen lassen. Dass Erstaunliche an all dem ist, dass sich die Menschen auf das Neue so schnell eingestellt haben. Seit wann herrscht in Italien Ausgangssperre? Ich hätte zwei Monate gesagt. Doch es sind nicht mal fünf Wochen. Die Zeit vergeht langsamer. In Zeiten dieses Virus.

Ich bin immer noch im Hotel meiner Freunde, ein geschlossener Zweihundert-Betten-Komplex, der mir ganz alleine gehört. So viel Isolation war nie, aber ich komme gut zurecht damit. So gut sogar, dass ich diese Lebensart auch ein paar Monate länger akzeptieren könnte. Vieles wird sich ändern, wenn das alles mal vorbei ist.

Das einzige was mir fehlt sind Restaurant, Vinothek und Wirtshaus. Dort will ich nur mit Menschen sein; jetzt aber habe ich seit Tagen, und für viele weitere Tage (sicher noch den ganzen April), einen Speisesaal für mich alleine, was – wie ich schon neulich erwähnte – abends ziemlich spooky ist. Ich drehe dann beim Essen - ich koche in einer riesigen, professionellen Restaurantküche – das Radio laut auf. Damit mir das Gruseln vergeht.

Deutschlands traditionellste Lage

Vor mir steht eine Flasche deutscher Riesling, der Riesling Liebfrauenstift 2016 vom gleichnamigen Weingut in Worms am Rhein, Anbaugebiet Rheinhessen. Dieses Weingut ist eines der eigenartigsten Weingüter Deutschlands, denn erstens ist es einer der ältesten und prominentesten Kelterbetriebe der Region und zweitens sind alle Weingärten im Stadtgebiet von Worms rund um die Liebfrauenkirche positioniert – eine Monopollage mit Mauer, eine Cru-Lage also, eines der letzten Stücke kirchlich-französischer Weinanlage, das es in Deutschland noch gibt.

Der Nachteil des Namens Liebfrauenstift: Die Kellerei, der das Stift einst gehörte, hat nach dem Krieg die Produktion eines Weins namens „Liebfrauenmilch“ angeworfen, kein Riesling und nicht aus den Trauben des Stifts gekeltert, der, als Massenprodukt, der größte Exporterfolg des deutschen Weins aller Zeiten wurde – ein süßliches Billigprodukt, das den Ruf des fast gleichnamigen, hochwertigen Stiftsrieslings ruinierte. Bis vor wenigen Jahren.

Die Drei von der Weintankstelle

Damals kaufte Wilhelm Steifensand, ein Weinhandels-Manager, die flachen Weingärten um die Kirche und machte das ehemalige Nonnenhaus zu seiner Wohnstätte. Steifensand ist mit Katharina Prüm verheiratet, die das berühmte Familienweingut an der Mosel leitet. Die beiden holten den auch im Experiment erfahrenen Önologen Heiner Maleton in ihren Betrieb und aus dem alten ehrwürdigen Weingut wurde schnell ein neues ehrwürdiges Weingut, das mit den Pfunden seiner Vergangenheit wuchern kann, ohne groß auf die Vergangenheit Bezug zu nehmen.

Das für Laien Erstaunliche an diesen neuen Liebfrauenstift-Weinen ist, dass diese, obwohl aus einer Flachlage am Rhein und nur von Schwemmgebiets-Böden kommend, ganz typische Geruchs- und Geschmacksnuancen von Steillagen-Rieslingen aufweisen und ganz klar, und ohne Zweifel, als deutsche Rieslinge zu erkennen sind. Wenn man das ganze Gedöns um Mineralität hernimmt (die hier in den Böden zwar vorhanden ist, aber keine bestimmende Kraft abruft), dann weisen die Liebfrauenstift-Rieslinge eine Mineralität auf, die diesen nicht zusteht. Und das wirft die Frage auf, ob die Handschrift Maletons (oder anderer großer Önologen) nicht eine ähnlich große, wenn nicht größere Rolle spielt als Böden und deren Beschaffenheit.

Ein „Dich-reiß-ich-jeden-Tag-auf-Wein“

In der Nase etwas nasse Aprikosenkerne, weißer Weingartenpfirsich (der etwas kühler und weniger fruchtig schmeckt), nasser Kiesel vom Flussufer, gering Ringlote, feuchtes Leinen, gering gelber Paprika, sehr gering Firn, etwas frische Erbse, dann auch Quitte und Stachelbeere. Im Mund über Gebühr gehaltvoll, wieder Quitte, Stachelbeere und auch Aprikose (geringer), eine wundbar belebende Säure und Salze der Mineralien, wie man sie sonst nur, wie schon erwähnt, in Weinen von Steilhängen findet.

Fazit: Der Gutsriesling von Deutschlands geschichtsträchtigstem Weingut. In Maßen mächtig, in Nase und Mund mega-elegant und ein wunderbar unaufdringlicher Speisenbegleiter. Ein „Den-reißen-wir-jederzeit-auf-und-werden-glücklich-mit-Wein.“ Einer, den man oft sucht und selten findet.

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