76 Quadratmeter (das „Kwarantäne“-Tagebuch)

„Der Autor und Weinkritiker Manfred Klimek lebt in Quarantäne. Wir von KATE&KON schicken ihm jede Woche ein paar Weine zu, damit er sich die soziale Isolation schöntrinken kann. Hier seine Aufzeichnungen“

Tag 17: Die grose Anne

Wohnzimmer, Terrasse, Küche. Und retour. Und einmal am Tag in den Supermarkt runter. Das zieht sich jetzt schon über zwei Wochen so und wird langsam zur Belastung. Zwar darf ich rausgehen, aber eigentlich nur um den Block spazieren, weil ich keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen sollte (für mich gilt aufgrund einer Vorerkrankung eine erweiterte, freiwillige aber verordnete Ausgangsbeschränkung). Eigentlich dürfte ich nicht mal in den Supermarkt. Deswegen habe ich heute einen Beschluss gefasst, einen Plan gemacht. Denn so kann das nicht weitergehen. Aber dazu später.

Vor mir im Glas schwappt beim Schwenken und Bewegen ein tiefdunkler Wein - so richtig tiefdunkel, sodass man nicht durch ihn hindurchsieht. Diese undurchdringliche Farbe bedeutet, dass der Wein entweder jung und sehr fruchtig ist oder auf Kraft und Freude getrimmt wurde. Oder beides. Hier, so stelle ich fest, ist der Wein auf Länge und Langlebigkeit ausgebaut. Er kann zwar früh getrunken werden, sollte es aber nicht. Ich habe einen 2016er im Glas. Und der ist erst am Anfang seiner Trinkreife.

Edith Piaf

Der Wein heißt „L' O de la Vie“, was wie ein Chanson von Edith Piaf klingt. Man kann sogar ne imaginäre Melodie dazu pfeifen. „Laaa Oooo deee la Vie, düdela, düdelü“. Das Etikett auf der bauchigen Flasche ist knallorange und wirkt handgestrickt. Ganz ehrlich: So sieht kein Wein eines seriösen Weinguts aus.

Da der Wein aber aus Frankreich kommt, macht das Gaga-Etikett auch irgendwie Sinn, denn die Franzosen habe jede menge Gaga-Etiketten, die wenig über die Weine erzählen, die in der Flasche warten.

Der Wein kommt aus dem Minervois, Großregion: Languedoc-Roussillon. Das Minervois liegt in Südfrankreich, so zwischen Nimes und Montpellier, und ist eine touristisch-romantische Gegend, die für soliden, aber nicht wahnsinnig hochwertigen Weinbau bekannt ist. Freilich gibt es Ausnahmen, wie das Weingut „Mas de Daumas Gassac“, wo ich mal hochkant hinausflog, nur weil ich Österreicher war. Der Grund für den Rauswurf hieß Waldheim und war damals, vor dreißig Jahren, österreichischer Präsident. Normalerweise bin ich es gewohnt, für mein schlechtes Benehmen vor die Tür gesetzt zu werden. Und nicht für das schlechte Benehmen meines Präsidenten.

Weg von diesem Off-Topic-Thema und wieder zurück zum Wein. Der „L' O de la Vie“ wird von Anne Gros und Jean-Paul Tollot gekeltert; das Paar - in seinen frühen Vierzigern und frühen Fünfzigern – füllt im Minervois eine beachtlich vielfältige Zahl von sehr guten bis exzellenten Rotweinen ab, die allesamt erstaunlich preisgünstig und verblüffend preiswert sind. Die Hauptsorten hier sind Carignan, Grenache, Syrah und Cinsault, die Gros und Tollot gerne auch verschneiden (was sie gut können). Mein „L' O de la Vie“ jedoch ist ein reinsortiger Syrah.

Love-Story in zwei Regionen

Doch halt: Wir schreiben hier keine Love-Story zweier Winzer aus dem Minervois, sondern die Love-Story zweier Winzer aus dem Burgund, die sich eine Dependance in Südfrankreich leisten – etwas, das selbst jene von Romanée-Conti tun. Das Weingut Anne Gros in Vosne-Romanee zählt zu den bekanntesten und auch teuersten des Burgund. Das liegt an den exzellenten Lagen und der exzellenten Handschrift.

Nun kann man den Wert der Lagen im Burgund nicht auf den Wert der Lagen im Minervois übertragen – schon wegen der geringen Dichte guter Winzer hier. Aber der Boden der Weinhänge von Gros-Tollot's Zweitunternehmung ist mega-vielfältig (Kalk, Ton & Sand im Mergel) und lässt zu, dass man Weine mit einem ausgefeilten Terroir-Charakter keltern kann.

Und dann gibt es noch etwas Bestimmendes, das die Qualität der Weine von Gros und Tollot ausmacht: die Frage der Ehre. Das, was so pathosüberhöht klingt, ist eine Selbstverständlichkeit: Kein Winzer von Weltruf kann es sich auch nur eine Sekunde leisten, bei seinen günstigeren Weinen oder Weinen aus einem anderen, weniger renommierten Weinbaugebiet, schlampig zu sein. Dann wäre er als Winzer für Reiche abgestempelt und gälte nicht als Vertrauenswinzer des Volkes (was in Frankreich immens wichtig ist).

Nase, Mund, Bauch

In der Nase zuerst etwas Orangenzesten, dann gering Herzkirsche, Cassis, massiv Brombeere, gering Himbeere, gering auch Mieze-Schindler-Erdbeere, dann etwas Selchrauch, etwas frisch angeschnittene Leber und zuletzt ein Tick leicht geschmortes Blaukraut. Im Mund massiv, fest, weiche Tannine, vordringlich der Beerenmix, wieder etwas Rauch und sehr gering auch Erbse. Fazit: Viel individueller Wein für wenig Geld. Samtiges Trinkvergnügen, das aber nie belanglos wird. Und erneut: ein Wein, den man gut zehn Jahre weglegen kann.

Ich wollte doch noch was schreiben? Ach ja: Ich mach' mich jetzt hier vom Acker, verlasse Wien und fahre in die Oststeiermark, wo ein Freund mir sein geschlossenes Hotel zur Verfügung stellt. Dort bin ich dann ganz alleine, kann aber auch raus. Sie lesen von mir, wenn ich Quartier bezogen habe.

 

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